Quo vadis Aquaristik?

Nach der Zukunft der Aquaristik fragte der Verband Deutscher Vereine für Aquarien- und Terrarienkunde e.V. auf seinem diesjährigen Symposium in Fulda. Es war eine sehr gelungene Veranstaltung, die gehaltenen Vorträge waren thematisch vielfältig und inhaltlich spannend. Dabei spricht es sehr für die organisierten Aquarianer, dass sie unter “Zukunft” nicht nur (aber auch!) Mode-Themen wie Social Media und Public Affairs verstehen. Genauso selbstverständlich wurden Wasserwerte und der Einsatz von Aquarien im Schulunterricht diskutiert. Der polemische Vorwurf, Aquaristik sei lediglich ein “Trendhobby” und gerade “in Mode”, geht völlig an der Wirklichkeit vorbei. Die Aquaristik hat in Deutschland eine lange Kulturgeschichte, eine Tradition, der sich die organisierten Aquarianer auch bewußt sind. Aus gutem Grund beruft man sich auf Willy Wolterstorff (1864-1943) als einen der Pioniere auf diesem Gebiet.

Ich wurde eingeladen, um auf dem Symposium einen Vortrag zum Thema “Lobbying für das Hobby – neue Anforderungen für die Zukunft?” zu halten. Meine Kernthese lautete, dass die Aquaristik zwar eine wichtige pädagogische und soziale Funktion erfüllt (in Kindergärten, Schulen und anderswo), dass dies aber in Politik, Verwaltung und Öffentlichkeit kaum bekannt ist. Gleiches gilt für den aktiven Beitrag der Hobbyaquarianer zu Wissenschaft und Artenschutz. Hierin besteht die neue Aufgabe für die Aquarienvereine: Sie müssen ihre Arbeit stärker als bisher öffentlich kommunizieren. Tue Gutes und rede darüber!

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Foto: Matthias Kloszczyk (CC BY-SA 2.5)

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Das Pythonfossil von Augsburg, oder: Auch Natur ist historisch

Forscher des Senckenberg Center for Human Evolution and Palaeoecology der Universität Tübingen haben in einer Fossillagerstätte bei Augsburg die Überreste eines 3,5 Meter langen Pythons gefunden, der vor 15 Millionen Jahren dort lebte. Mit 19 Grad Jahresdurchschnittstemperatur war das Klima in dieser Region damals deutlich ansprechender für diese imposanten Reptilien, die heutigen 8 Grad sind ihnen schlicht zu kalt.

Es handelt sich um einen spektakulären Fund, der weit über die Fachgrenzen der “Terrestrischen Paläoklimatologie” hinaus wahrgenommen wird. Dank Tickermeldung der Deutschen Presse-Agentur berichteten die deutschen Online-Leitmedien heute nahezu inhaltsgleich darüber (SPON, sueddeutsche.de, usw.).

Python heute: KönigspythonAber was ist die Moral von der Geschichte? Vielleicht ja folgende: Die Frage, welche Tierarten in einem Lebensraum vorkommen und welche nicht, ist zeitgebunden. Vor Urzeiten waren Pythons in der Gegend um Augsburg so normal, wie es heute Ringelnattern sind. Würde es aber heute einer Pythonart gelingen, sich wieder bei Augsburg anzusiedeln (zugegeben: sehr hypothetisch, das schwäbische Klima ist einfach nicht so verlockend wie jenes in Florida), dann würden wir sie als invasive Tierart (=als eingeschleppte, dem Ökosystem fremde Art) behandeln und zum Schutz des Ökosystems bekämpfen. Dies wäre im Grundsatz unabhängig von der Frage, ob von diesen Tieren eine Gefahr für Menschen ausgeht – das Prinzip gilt genauso für eingeschleppte Frösche oder Krebse, die für Menschen vollkommen harmlos sind. Das bedeutet: Eine Tierart, deren Vorfahren einstmals ein bestimmtes Ökosystem bewohnten, würden wir heute im gleichen Ökosystem - per se! - als “exotisch”, fremd und schädlich betrachten. Zweifelsfrei hatte das “Augsburger” Ökosystem vor 15 Millionen Jahren wenig mit dem Augsburger Ökosystem von heute gemein. Allein die 11 Grad Temperaturunterschied bewirken einiges. Aber das widerspricht nicht meinem Kerngedanken: Ökosysteme verändern sich mit und ohne Einfluss des Menschen, sie tun dies kontinuierlich aufgrund einer Vielzahl von Ursachen. Diese Veränderungen betreffen insbesondere die Fauna und Flora.

Wir Menschen des 21. Jahrhunderts neigen dazu, den gegenwärtigen status quo unserer Ökosysteme und ihrer spezifischen Artenvielfalt als endgültigen Zustand zu betrachten. Dahinter steckt die Annahme, die Natur wie sie sich uns präsentiert sei überzeitlich, unveränderlich, gewissermaßen die Krönung ihrer Entwicklungsgeschichte. Wir verabsolutieren somit eine Momentaufnahme der ökologischen Entwicklung, als ob diese Entwicklung sich nicht weiter fortsetzen würde. Genau das tut sie aber – egal ob mit oder ohne menschlichen Einfluss. Wir sollten uns angesichts von Fossilienfunden wie jenem bei Augsburg vergegenwärtigen, dass jeder Zustand in der Natur, jede Konstellation innerhalb eines Ökosystems, zeitgebunden sind. Die Natur, wie wir sie erleben, ist historisch entstanden und wird sich in der Zukunft verändern. Einen unveränderlichen, idealen Naturzustand kann es nicht geben. Tiere, die gestern noch fremd waren sind womöglich morgen bereits fest etabliert, andere werden verschwunden sein. Dieser Prozess wird mittlerweile massiv durch den Menschen beeinflusst, aber eine menschliche “Erfindung” ist er nicht.

Gleichzeitig gilt: Natur-, Biotop- und Artenschutz sind wichtig und unverzichtbar, denn die negativen Auswirkungen des Menschen auf unsere Umwelt sind so gravierend, dass massiv gegengesteuert werden muss. Ambitionierte Projekte wie die Amphibien-Arche, die versucht, vom Aussterben bedrohte Lurche zumindest in Menschenhand zu erhalten, zeugen von der Dramatik dieses Kampfes gegen Natur- und Umweltzerstörung. Solche bewahrenden Schutzmaßnahmen stehen in keinem Widerspruch zu einem historischen Verständnis von Naturentwicklung, vielmehr sind sie ein Teil ebenjener Entwicklung. Wir Menschen sollten uns schon allein aus Gründen der Moral mit den drastischen Konsequenzen befassen, die unser Dasein für unsere Umwelt hat. Aktiver Umweltschutz ist daher ein Element moralischer Verantwortung und folgt schlicht dem Verursacherprinzip. Die historische Dimension in der Naturentwicklung aufzuzeigen entlastet in keiner Weise von dieser Verantwortung.

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Die Tübinger Forscher haben ihre Ergebnisse in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Geodiversitas publiziert, hier findet Ihr sie zum nachlesen…

Copyright des Fotos: Patrick Jean, Muséum d’Histoire Naturelle de Nantes

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