Biodiversität: Mehr Amphibien, weniger Mücken!

Welche Auswirkungen der rasant fortschreitende Verlust natürlicher Artenvielfalt auf unser gesamtes Ökosystem und damit auch auf uns Menschen haben wird, lässt sich kaum vorhersagen. Wie bedeutsam beispielsweise einige unscheinbare Amphibien und deren noch viel unscheinbarere Larven für uns Menschen und unsere Gesundheit sein können, zeigt eine aktuelle Untersuchung. 2011 publizierten nordamerikanische Forscher eine Studie über den Zusammenhang von Amphibienlarven und Mückenlarven in Feuchtgebieten. Ihr Ergebnis: Je mehr Amphibienlarven vorhanden sind, umso geringer ist die Zahl der Mückenlarven.

Das Fazit der Forscher lautet daher:

Therefore, developing measures to protect amphibians in seasonal pools may contribute to controlling mosquito production in wetlands, potentially minimizing disease risk to humans.

Link zu der Studie: The Influence of Amphibians on Mosquitoes in Seasonal Pools: Can Wetlands Protection Help to Minimize Disease Risk?

Symposium: Kunst und Politik

Am vergangenen Wochenende fand an der Universität Bremen ein studentisches Geschichtssymposium zum Thema “Kunst und Politik in der Geschichte” statt. Bereits zum zweiten Mal veranstalteten Bremer Geschichtsstudenten ein solches Symposium, eine beeindruckende organisatorische Leistung! Rund 40 Teilnehmer aus der ganzen Bundesrepublik und dem benachbarten Ausland fanden sich am Freitag und Samstag zusammen, um Aspekte des Wechselverhältnisses zwischen Politik und Kunst seit der Antike bis heute zu diskutieren. Spannend war die Vielfalt an verwendeten Quellengattungen, neben literarischen Texten unter anderem Karikaturen, Fotografien und architektonische Skizzen. Ich selber referierte am Freitag über deutsche Intellektuellengeschichte im Übergang von Nationalsozialismus zu junger Bundesrepublik. Als Beispiel hierfür wählte ich die umstrittene Person Erich Kästners (Vortragstitel: Erich Kästner zwischen 1933 und 1945. Literat, Intellektueller, „Beobachter und Zeuge“?).

Das Symposium war ein voller Erfolg, allen Organisatoren großen Dank dafür! Ich hoffe sehr, dass es auch im kommenden Jahr wieder eine Fortsetzung geben wird.

Wissenstransfer: Die “Islam-Studie” und andere Missverständnisse

Es ist ein Lehrstück dafür, wie der Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in die breite Öffentlichkeit misslingen kann. Zumal, wenn dies von interessierter Seite politisch gewünscht ist. Seit Tagen diskutiert die deutsche Medienlandschaft kontrovers über eine Studie, die eigentlich “Lebenswelten junger Muslime in Deutschland” heißt, aber von Journalisten gerne zur “Islam-Studie” verkürzt wird.

Die Studie lag zuerst “exklusiv” der BILD-Zeitung vor, diese titelte: “Jeder fünfte Muslim in Deutschland will sich nicht integrieren”. CSU-Innenminister Friedrich (der schon kurz nach Amtsantritt seine Position deutlich machte, Zitat: “Dass der Islam zu Deutschland gehört, ist eine Tatsache, die sich auch aus der Historie nirgends belegen lässt“) war wohl nicht unbeteiligt daran, dass ausgerechnet diese Boulevardzeitung den Aufschlag zu der Debatte führte. Fortan nutzt er jede Gelegenheit um – vermeintlich auf Grundlage der Studie – die “Integrationsverweigerung” junger Muslime anzuprangern, obgleich die Studie davon an keiner Stelle spricht. Schließlich meldete sich dann auch noch der unvermeidliche Thilo Sarrazin zu Wort, aus dessen Sicht die Studie “glänzend die Analysen” seines umstrittenen Buches “Deutschland schafft sich ab” bestätige.

Während Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger differenziert davor warnte, “aus einer wissenschaftlichen Studie nur Schlagzeilen zu produzieren“, war anderen Politikern die Lektüre der 750seitigen Studie offenbar zu mühselig. Statt an der eigentlichen Studie, arbeiteten sie sich lieber an der Pressedebatte ab. So kam der integrationspolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion zu dem Urteil, das Innenministerium habe “erneut Steuergelder darauf verwendet, eine Studie zu finanzieren, die Schlagzeilen produziert, aber keinerlei Erkenntnisse“. Vielleicht hätte es ihm geholfen, einmal einen Blick in die Studie zu werfen und sich mit ihren Erkenntnissen auseinander zu setzen. Für den hektischen Berliner Politikbetrieb ist das aber wohl zu viel verlangt.

Zugegeben, ich bin in diesem Fall selber nicht ganz unbefangen, da an der Studie meine ehemaligen Kollegen von der Jacobs University Bremen beteiligt waren. Für Prof. Klaus Boehnke habe ich bereits zwischen 2007 und 2010 an einer Untersuchung über Werthaltungen junger Migranten mitgearbeitet. Umso mehr hat es mich gefreut, dass der Cicero ihm jetzt die Gelegenheit gab, in einem längeren Interview Stellung zu der Studie und ihrer politisch-medialen Rezeption zu nehmen. Die Lektüre dieses Interviews kann ich nur empfehlen.

Zu dem Interview mit Klaus Boehnke: “Der Innenminister redet Sarrazin nach dem Mund”…

Symposium: Quo vadis Aquaristik?

Nach der Zukunft der Aquaristik fragte der Verband Deutscher Vereine für Aquarien- und Terrarienkunde e.V. auf seinem diesjährigen Symposium in Fulda. Es war eine sehr gelungene Veranstaltung, die gehaltenen Vorträge waren thematisch vielfältig und inhaltlich spannend. Dabei spricht es sehr für die organisierten Aquarianer, dass sie unter “Zukunft” nicht nur (aber auch!) Mode-Themen wie Social Media und Public Affairs verstehen. Genauso selbstverständlich wurden Wasserwerte und der Einsatz von Aquarien im Schulunterricht diskutiert. Der polemische Vorwurf, Aquaristik sei lediglich ein “Trendhobby” und gerade “in Mode”, geht völlig an der Wirklichkeit vorbei. Die Aquaristik hat in Deutschland eine lange Kulturgeschichte, eine Tradition, der sich die organisierten Aquarianer auch bewußt sind. Aus gutem Grund beruft man sich auf Willy Wolterstorff (1864-1943) als einen der Pioniere auf diesem Gebiet.

Aquaristik heute. Was bringt die Zukunft? (Foto: Matthias Kloszczyk, CC BY-SA 2.5)

Ich wurde eingeladen, um auf dem Symposium einen Vortrag zum Thema “Lobbying für das Hobby – neue Anforderungen für die Zukunft?” zu halten. Meine Kernthese lautete, dass die Aquaristik zwar eine wichtige pädagogische und soziale Funktion erfüllt (in Kindergärten, Schulen und anderswo), dass dies aber in Politik, Verwaltung und Öffentlichkeit kaum bekannt ist. Gleiches gilt für den aktiven Beitrag der Hobbyaquarianer zu Wissenschaft und Artenschutz. Hierin besteht die neue Aufgabe für die Aquarienvereine: Sie müssen ihre Arbeit stärker als bisher öffentlich kommunizieren. Tue Gutes und rede darüber!

Das Pythonfossil von Augsburg, oder: Auch Natur hat Geschichte

Forscher des Senckenberg Center for Human Evolution and Palaeoecology der Universität Tübingen haben in einer Fossillagerstätte bei Augsburg die Überreste eines 3,5 Meter langen Pythons gefunden, der vor 15 Millionen Jahren dort lebte. Mit 19 Grad Jahresdurchschnittstemperatur war das Klima in dieser Region damals deutlich ansprechender für diese imposanten Reptilien, die heutigen 8 Grad sind ihnen schlicht zu kalt.

Es handelt sich um einen spektakulären Fund, der weit über die Fachgrenzen der “Terrestrischen Paläoklimatologie” hinaus wahrgenommen wird. Dank Tickermeldung der Deutschen Presse-Agentur berichteten die deutschen Online-Leitmedien heute nahezu inhaltsgleich darüber (SPON, sueddeutsche.de, usw.).

Heutiger Python: Der Königspython (Foto: Patrick Jean)

Aber was ist die Moral von der Geschichte? Vielleicht ja folgende: Die Frage, welche Tierarten in einem Lebensraum vorkommen und welche nicht, ist zeitgebunden. Vor Urzeiten waren Pythons in der Gegend um Augsburg so normal, wie es heute Ringelnattern sind. Würde es aber heute einer Pythonart gelingen, sich wieder bei Augsburg anzusiedeln (zugegeben: sehr hypothetisch, das schwäbische Klima ist einfach nicht so verlockend wie jenes in Florida), dann würden wir sie als invasive Tierart (=als eingeschleppte, dem Ökosystem fremde Art) behandeln und zum Schutz des Ökosystems bekämpfen. Dies wäre im Grundsatz unabhängig von der Frage, ob von diesen Tieren eine Gefahr für Menschen ausgeht – das Prinzip gilt genauso für eingeschleppte Frösche oder Krebse, die für Menschen vollkommen harmlos sind. Das bedeutet: Eine Tierart, deren Vorfahren einstmals ein bestimmtes Ökosystem bewohnten, würden wir heute im gleichen Ökosystem - per se! - als “exotisch”, fremd und schädlich betrachten. Zweifelsfrei hatte das “Augsburger” Ökosystem vor 15 Millionen Jahren wenig mit dem Augsburger Ökosystem von heute gemein. Allein die 11 Grad Temperaturunterschied bewirken einiges. Aber das widerspricht nicht meinem Kerngedanken: Ökosysteme verändern sich mit und ohne Einfluss des Menschen, sie tun dies kontinuierlich aufgrund einer Vielzahl von Ursachen. Diese Veränderungen betreffen insbesondere die Fauna und Flora.

Wir Menschen des 21. Jahrhunderts neigen dazu, den gegenwärtigen status quo unserer Ökosysteme und ihrer spezifischen Artenvielfalt als endgültigen Zustand zu betrachten. Dahinter steckt die Annahme, die Natur wie sie sich uns präsentiert sei überzeitlich, unveränderlich, gewissermaßen die Krönung ihrer Entwicklungsgeschichte. Wir verabsolutieren somit eine Momentaufnahme der ökologischen Entwicklung, als ob diese Entwicklung sich nicht weiter fortsetzen würde. Genau das tut sie aber – egal ob mit oder ohne menschlichen Einfluss. Wir sollten uns angesichts von Fossilienfunden wie jenem bei Augsburg vergegenwärtigen, dass jeder Zustand in der Natur, jede Konstellation innerhalb eines Ökosystems, zeitgebunden sind. Die Natur, wie wir sie erleben, ist historisch entstanden und wird sich in der Zukunft verändern. Einen unveränderlichen, idealen Naturzustand kann es nicht geben. Tiere, die gestern noch fremd waren sind womöglich morgen bereits fest etabliert, andere werden verschwunden sein. Dieser Prozess wird mittlerweile massiv durch den Menschen beeinflusst, aber eine menschliche “Erfindung” ist er nicht.

Gleichzeitig gilt: Natur-, Biotop- und Artenschutz sind wichtig und unverzichtbar, denn die negativen Auswirkungen des Menschen auf unsere Umwelt sind so gravierend, dass massiv gegengesteuert werden muss. Ambitionierte Projekte wie die Amphibien-Arche, die versucht, vom Aussterben bedrohte Lurche zumindest in Menschenhand zu erhalten, zeugen von der Dramatik dieses Kampfes gegen Natur- und Umweltzerstörung. Solche bewahrenden Schutzmaßnahmen stehen in keinem Widerspruch zu einem historischen Verständnis von Naturentwicklung, vielmehr sind sie ein Teil ebenjener Entwicklung. Wir Menschen sollten uns schon allein aus Gründen der Moral mit den drastischen Konsequenzen befassen, die unser Dasein für unsere Umwelt hat. Aktiver Umweltschutz ist daher ein Element moralischer Verantwortung und folgt schlicht dem Verursacherprinzip. Die historische Dimension in der Naturentwicklung aufzuzeigen entlastet in keiner Weise von dieser Verantwortung.

Die Tübinger Forscher haben ihre Ergebnisse in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Geodiversitas publiziert, hier findet Ihr sie zum nachlesen…